Das Capaldi-Herz vor den Füssen des Schweizer Publikums

Konzertkritik: Lewis Capaldi in Zürich
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Archiv Bäckstage / © Sandra Rohrer

«I wish you all the love you’re looking for» (ich wünsche dir all die Liebe, die du suchst) – dieser Satz stand auf weissen A4-Blättern, die während Lewis Capaldi’s Song «Forever» nacheinander in die Höhe gehalten wurden. Wie aus dem Nichts tauchten die Papiere aus dem Publikum auf und wurden im Takt geschwenkt, während Lewis von einer gescheiterten Liebe sang. Nach dem Song kam er auf die kleinen Plakate zu sprechen: «Das ist ja echt lieb, danke. Ihr wisst nicht, welche verrückten Dinge ich an Konzerten zu sehen bekomme. Manchmal sind auf diesen Zetteln einfach nur Penisse gezeichnet. Ich weiss nicht warum», meinte er und schaute verdutzt in die Menge. «Wobei eure Leuchtstäbchen, die ihr da in die Höhe haltet, auch wie kleine Penisse aussehen.» Ein Lachen erfüllte das Zürcher Kaufleuten und Lewis verlor noch ein, zwei weitere Worte bevor er mit dem Set fortfuhr.

 

Textsichere Fans und Millionen Streams

 

Eröffnet hat der Schotte die Show mit dem Song «Grace» und so mit den Worten «I’m not ready to be just another of your mistakes». Da war es also: Minute Eins des Konzertabends und das Capaldi-Herz lag bereits vor den Füssen des Schweizer Publikums.

 

Nach zwanzig Minuten Mitsingen, Lachen und Schwärmen verliessen drei von vier Bandmitgliedern die Bühne. Lewis und sein Keyboarder blieben alleine zurück und die Bühne wurde in rotes Licht getaucht. Der erste Ton von «Bruises» erklang und das Publikum reagierte mit einem Jubeln. Während fast vier Minuten wurde Lewis von seinen textsicheren Fans mit lautstarkem Gesang unterstützt. Kein Wunder, dass fast jeder diesen Song auswendig kennt, denn «Bruises» war Capaldi’s Debütsingle im Jahr 2017. Ihr verdankt er seinen Durchbruch, denn der Song wurde damals innert kürzester Zeit Millionen Mal gestreamt und schlagartig richtete sich ein Scheinwerfer nach dem anderen auf den heute 23-jährigen Newcomer.

 

Nach dem Song widmete sich Lewis wieder dem Publikum, machte einige Scherze und griff kurz darauf zur akustischen Gitarre. Es war Zeit für eine Auflockerung, ein rassigeres Lied, das zum Mitklatschen einlud und zu dem sich die Leute ein bisschen bewegten: «Hollywood». Klingt nach einem fröhlicheren Lied. Das Gegenteil ist der Fall, denn auch dieses Stück handelt von verlorener Liebe und gebrochenen Herzen. Unter tosendem Applaus, Pfiffen und Jubeln nach der Performance tauschte der Schotte die Akustikgitarre gegen seine E-Gitarre, sang einen Song und wiederholte den Instrumentenwechsel. «Nun habe ich noch zwei Lieder…» – Buhrufe erfüllten den Saal – «…jetzt folgt mein Lieblingslied von meinem Album», verkündete er und stimmte «Hold Me While You Wait» an. Unzählige Augenpaare im Kaufleuten leuchteten, die dazugehörigen Münder sangen lautstark mit und ein Konzertabend voller bunt durchmischten Emotionen neigte sich dem Ende zu.

 

Kraftausdrücke und Gänsehautmomente

 

Was den jungen Schotten auszeichnet, sind seine tiefgründigen Texte über Erfahrungen aus seinem eigenen Leben. Man sieht und fühlt, dass Lewis sein ganzes Herz in die Lyrics steckt und dies auch ohne Hemmungen die ganze Welt wissen lässt. Obwohl man einen Abend lang seinen Geschichten zuhört, lassen die Texte es zu, dass sich jeder einzelne im Raum mit den Songs identifizieren kann.

 

Welcher Hit das Schlusslicht von Capaldi’s Setlist gründete, konnte man bereits erahnen. Bevor er diesen jedoch performte, griff er zu seinem Mundspray und drehte sich dem Publikum zu: «I f**king love you so much, that’s been f**king lovely, i had a f**king good time, thanks for f**king coming along ..» – einige haben zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich aufgehört, die vielen Kraftausdrücke zu zählen, denn diese benutzte die «Schottische Beyoncé» - wie er sich selbst nennt - fast ein bisschen zu oft. Es sei ihm verziehen, denn irgendwie macht es den Lewis Capaldi eben auch einzigartig. Einzigartig war auch der Moment, als er schlussendlich sein Mikrofon Richtung Publikum hielt und das ausverkaufte Haus seinen Hit «Someone You Loved» lautstark zu singen begann.

 

Der Song handelt vom Schmerz, der eine unerwartete Trennung von einem geliebten Menschen mit sich bringt. Eine Zeit, in der niemand da ist, der einem dabei behilflich sein kann, über den Verlust hinweg zu kommen. Man ist auf sich alleine gestellt und jeder kennt das Gefühl von Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung.

 

Lewis verabschiedete sich ohne grosse Worte und Zugabe, sondern überliess die von Gänsehaut übersäten Arme und die unzählig glänzenden Augenpaare der Zürcher Innenstadt.


Sei es mit seinen Witzen oder indem er die Leute mit herzzerbrechenden Songs in seinen Bann zieht; der junge Schotte weiss was es heisst, das Publikum zu unterhalten.

 

Rahel Inauen / Mo, 04. Nov 2019